AKTUELL

MAGIE DER FORM

Ines Doleschal // Elgin Willigerodt

8.1. – 12.2.2022

„Die Linie ahmt das Sichtbare nicht nach, sondern macht sichtbar.“ (Paul Klee)

Konzentration auf die reine Form ist immer auch ein Ordnen von Gedanken, besser noch: Begrenzen, Verdichten des Diffusen, Herumtreibenden, Unsortierten. Die Kunst des einfach Konkreten ist daher weniger Schaffen von Ordnung als ein Ausschließen von Störung, keine Weltflucht, sondern Entwurf einer gestalteten, schöpferischen Welt – und sei es im Kleinsten. Der Zusammenklang von reinen Farben (oder Tönen) wird eher empfunden als erkannt, also auf der körperlichen Ebene vermittelt (womit sich auch Synästhesien leichter erklären lassen). Und er benötigt die eigene Aktivität, das Erspüren statt passivem Empfangen.

Konkrete Kunst kann nicht „konform“ sein, weil sie keine inhaltliche Deutung zulässt und nicht verbindlich wirken, sondern nur individuell erlebt werden. Ihr Sinn liegt tiefer als in thematischen Ambitionen, nämlich in den kognitiven Dissonanzen zwischen Bild und Raum, Differenz und Einheit, Orientierung und Atmosphäre, Klarheit und ästhetischer Phantasie, den psychologischen Fundamenten dessen, was die Welt konkret zusammenhält: Achtsamkeit und Empathie. Genau da steckt der Schlüssel zu dieser Kunst.

Alles Konkrete kann vor solchem Hintergrund auch als Seismograph gelesen werden, die Akzeptanz reduzierter, auf Form und Funktion der Vernunft geeichter Einstellungen zu prüfen oder in ihrem Wert für eine zweckmäßig gestaltete Welt zu erkennen. Vielleicht ist unsere Bereitschaft, das Nicht-Erzählerische als Maßstab und Appell zur Selbstprüfung zu begreifen, überhaupt ein viel wichtigeres Thema als alle sonst den Alltag bestimmenden Urteile und widerstreitenden Meinungen.

Wollten wir das Konkrete unter musikalischen Genres einordnen, wäre es die Kadenz. Formal limitiert scheint sie zuerst wie eine Phase der Stille im Vielgestaltigen der Harmonien zu sein, bevor sie sich zu einzigartiger Brillanz steigert und letztlich im kraftvoll krönenden Einsatz des Orchesters zu einem Höhepunkt des Glücks und der Befreiung erlöst. Die Kadenz ist die Verführung, deren Atmosphäre in Erinnerung bleibt mit einer vollkommenen Erfahrung des Einklangs und Friedens in sich selbst. So wirkt starke Kunst auf das Gemüt des Menschen: „Die Herzen vergaßen der Mühsal“ (Vergil).

Bilder: Jochen Wermann

Video: Elma Riza

K L A N G PERFORMANCE: J  E  N  S    B  R  A  N  D

SAMSTAG 22. 1. 2022 – 20 UHR

RATSCHEN   /   MOTOREN

Für Veranstaltungen gilt die 2G+-Regelung und Maskenpflicht! (Geimpft/Genesen und tagesaktueller Test).
Für Kinder, Jugendliche und Personen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können, gelten die 2G-Ausnahmeregelungen.