DER ARCHÄOLOGISCHE GESTUS

CLARA BRÖRMANN

14. 5. – 9. 7 .2022

Der archäologische Gestus

Im Gegensatz zur digitalen Kunst ist es das Privileg analoger Kunstwerke aus ähnlichem ‚Stoff‘ gemacht zu sein wie die Menschen. Ihre materielle Oberfläche atmet die gleiche Luft, ist ebenso angreifbar durch physische oder chemische Einflüsse, ihre Erscheinung verändert sich mit dem wechselhaften Licht und der Bewegung ihres Betrachters.

Raum und Zeit als eng an die materielle und menschliche Konstitution angebundene Größen finden sich in Clara Brörmanns Werk auf verschiedenen Ebenen – von der an der Bildoberfläche ablesbaren, prozessualen Arbeitsweise, über die Bildstrukturen und den aus ihnen abgeleiteten Assoziationen bis zur Titelgebung.

„Ende und Anfang“, heißt das zentrale Werk dieser Ausstellung. Zwei hohe schmale Leinwände stehen dem Betrachter, menschlichen Maßen gleich, gegenüber und spiegeln einander in ihrem identischen Aufbau. In der Gesamtschau ergibt sich ein Kreis, der die Leinwände oben überwindet und unten von einer angeschnittenen weißlichen Sichel eingefasst wird. In warmen Orangetönen breiten sich innerhalb des nochmals visuell geteilten Kreises von vier achsensymmetrischen Punkten Strahlen aus, die sich nicht überlappen. Das Ganze wird von einer dunkelblauen Rahmung gefasst, die sich über die Tiefe des Keilrahmens fortsetzt. Der grafisch exakt angelegten Linienführung der Bildstrukturen widersetzt sich eine raue und brüchige Faktur. Zwischen den Strahlen ist die graue Leinwand offengelegt, an den Bruchkanten zeigen sich die übereinanderliegenden Farbschichten.

Woran man sich auch erinnert fühlen mag, an eine abblätternde Fassaden-Reklame mit Sonnenaufgang am Strand oder an ein zerschlissenes, irisierendes Werk der Op-Art – es ist diese gebrochene Farbfaktur, welche das Bild in das Moment von materieller Vergänglichkeit, von Zeitlichkeit hineinzieht und lesbar macht als Resultat eines Prozesses, in dem die Farbe nicht als Illusionsmittel dient, sondern als Arbeitsmaterial der Malerei sichtbar wird.

Diese prozessuale Bilderscheinung bei Clara Brörmann geht auf eine spezifische Arbeitsweise der Künstlerin zurück, die einmal mit einer archäologischen Ausgrabung verglichen wurde. Wie eine Archäologin, die über viele Jahre abgelagerte Erdschichten von einem Artefakt löst, arbeitet sich die Künstlerin durch die materiellen und zeitlichen Schichten ihres Werks, legt diese und partiell mit der Leinwand den ‚Anfang‘ frei.

Wiederkehrend ist auch das Motiv des Kreises bzw. von Strahlen, die sich zirkelförmig von einem Zentralpunkt ausgehend ausbreiten und zugleich auf ihn zurückweisen. Die Deutung des Motivs als Sonne wäre insofern schlüssig, als diese auch in der Form eines Wagenrades die Ur-Symbolik für das Vergehen von Zeit darstellt. Der Ausgangspunkt der Künstlerin besteht hier allerdings im bildlichen Zusammenschluss zweier Ideen der Renaissance, welche den Menschen und seine Umgebung in idealen Proportionen zu erfassen suchte. Der vitruvianische Mensch konnte von Leonardo stimmig in Kreis und Quadrat gefügt werden, indem er ihnen jeweils einen eigenen, versetzten Mittelpunkt gab. Die gegeneinander verschobenen Strahlenkreise bei Brörmann weisen zudem auf die Konstruktion der Zentralperspektive, deren Projektionsstrahlen sich in einem gemeinsamen Fluchtpunkt bzw. deren Sehstrahlen sich im starren Augpunkt treffen. Indem die Künstlerin ihre Geometrien bricht, versetzt und umkehrt, bringt sie nicht nur das Auge des Betrachters in Bewegung. Das Bild als proportionales und physisches Gegenüber animiert den Betrachter seinen gesamten Körper in Bewegung zu setzen. Auf diese Weise werden die mehrschichtigen und mehrdimensionalen Aspekte von Clara Brörmanns Werken überhaupt erst richtig wahrnehmbar.

Und so ist es auch mit den menschlichen Pendants: Wollen wir uns wirklich erkennen, bewegen wir uns am besten gemeinsam in einem Raum, in dem dasselbe Licht auf unsere Körper fällt.

Dr. Cora Waschke

Clara Brörmann (*1982) lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte Bildende Kunst bei Prof. Daniel Richter, Prof. Anselm Reyle und Prof. Robert Lucander an der Universität der Künste in Berlin.