Worlds within World

Ausstellungsdauer: 09.04.19 – 11.05.19 

Rainer Maria Matysik,
Andrew Pekler & Stefanie Kiwi Menrath
kuratiert von Sebastian Häger

27.04. Soundperformance mit Andrew Pekler, 14 – 18 Uhr

Gallery Weekend 26. – 28. 4.
Am Sonntag, den 28.04 hat die Galerie von 13 – 19 Uhr geöffnet

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Die Ausstellung „Worlds within World“ ist die Auftaktveranstaltung der Ausstellungsreihe „Ausstellungen für ein spekulatives Publikum“ im Jahresprogramm der galerie weisser elefant. Entwickelt wurde die Reihe von einem interdisziplinären Kuratorium, das sich aus Kurator_innen, Medien- und Kulturwissenschaftler_innen sowie Künstler_innen der freien Szene zusammensetzt. Ausgehend von Denkfiguren der philosophischen Strömung des Spekulativen Realismus, der einen offenen Blick auf Wirklichkeit ins Zentrum der Betrachtung rückt, anstatt sich lediglich auf die menschliche Sicht auf die Welt zu interessieren, entwickelte das Kuratorium aus dessen verschiedenen Perspektiven heraus Fragen nach alternativen Realitäten, Seinsweisen und Herangehensweisen an Prozesse, Dinge und Wirklichkeiten. Die Reihe veranschaulicht den gemeinsamen Dialog disziplinübergreifender Zugänge zu künstlerischer Forschung, der Erforschung künstlerischer Prozesse sowie zum Kuratieren.
Dabei wird das Terrain des Spekulativen als künstlerisches Forschungsfeld begriffen, innerhalb dessen einerseits das Abhängigkeitsverhältnis von Realitätskonstruktion und Denken untersucht werden soll und darüber hinaus Fragestellungen zu den Verhältnissen zwischen Ästhetik, Kunst und Politik entwickelt und prototypisch beantwortet.

Für die Ausstellung Worlds within World entwickelten Andrew Pekler, Stefanie Kiwi Menrath und Reiner Maria Matysik Arbeiten am Grenzbereich von Fiktion und Realität. Ihre Arbeiten fungieren als Einstiegspunkte in eine parallele Realität, deren konstituierende Parameter sie hinterfragen und die sie gleichzeitig inszenieren.

PHANTOM ISLANDS

Phantominseln sind auf historischen Karten verzeichnete Inseln, die tatsächlich jedoch nie existierten. Der Status dieser Artefakte der Kolonialgeschichte oszilliert zwischen kartografischem Fakt und maritimer Fiktion. Phantom Islands interpretiert und präsentiert diese Imaginationen in Form einer Soundinstallation, die den Sound und die (Entdeckungs-)Geschichten einzelner Phantominseln in Vitrinen mit auditiven, textlichen und visuellen Mitteln vorstellt. Die Soundinstallation geht zurück auf das Projekt Phantom Islands – A Sonic Atlas, das der Soundkünstler Andrew Pekler und die Kulturanthropologin Stefanie Kiwi Menrath für eine Online-Ausstellung entwickelten.

Mithilfe von kartographischen und textlichen Evidenzen der Inseln wird der Versuch unternommen, die Konstitution von Realität zu hinterfragen, wenn aus einer Schichtung (kontra-)faktischer Spuren und Erzählungen, die im Zeitalter der Eroberungen (15.-18.Jh) begann, eine Fiktion entsteht, die alle Parameter einer eigenen Realität erfüllt. Jede Insel erhält zusätzlich eine eigene akustische Präsenz, die als quasi-ethnographische, pseudotraditionelle Klangwelt auch in der Realität verankert ist. Das ethnographisch anmutende Ausstellungsdesign und die nach Welt-(Meeres-)Regionen aufgeteilten Vitrinendisplays verweisen gleichzeitig auf die historischen Verstrickungen von Kartographie wie Ethnographie in das koloniale Projekt.

Idee, Konzept, Text: Stefanie Kiwi Menrath
Sound, Konzept, Text: Andrew Pekler
Grafik: Flavio Gortana
Leihgaben: Eddie Pekler

Gefördert vom Musikfonds e. V. mit Projektmitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien

SEXUELLES VEGETIEREN

Der Ausstellungsbeitrag von Reiner Maria Matysik knüpft an dessen Publikation „Sexuelles Vegetieren“ aus dem Jahr 2008 (an). In seinem paratextuellen Beitrag überschreitet er für die Ausstellung zum ersten Mal die Grenze zur eigenen Erzählung und verstofflicht die nichtmenschlichen Protagonist_innen seiner Fiktion: er entwickelt parasitäre pflanzliche Geschöpfe, die Menschen als Medium zur eigenen Fortpflanzung benutzen. Mit ihren Staub- und Kelchblättern, Blütentrieben, Fruchtständen, Wurzeln berühren, liebkosen, umschlingen und durchwuchern sie ihre menschlichen Gegenüber, die sich hingeben und ihnen verfallen. Der Verführung folgt die organische Durchdringung und bisweilen quälend-lustvolle kopulative Akte, die in Erschöpfung, Selbstaufgabe bis hin zur physischen Einverleibung enden.
Anders als in vorangegangenen Arbeiten agieren Matysiks Wesen(heiten) in der Ausstellung Worlds within World über einen Status, aus der gesicherten Distanz betrachtbarer Objekte hinaus, denn sie werden den Besucher_innen in die Hand gegeben. Er setzt sie mit den Organismen in eine direkte Beziehung und erzeugt Situationen der physischen Unmittelbarkeit. Ein immersives Momentum entsteht an der Stelle, an der sich die taktile Erfahrung der Organismen mit Matysiks ungezügelt-ausschweifendem Erzähluniversum als auditiver Begleitspur verbindet. Am Punkt, an dem Matysiks Organismen scheinbar aus der Erzählung heraustreten, wird die Schwelle zwischen Fiktion und Realität irritiert und als Agent_innen ihrer Alter Egos aus der Erzählung wird ihre Agency deutlich.

Andrew Pekler arbeitet mit Techniken des digitalen Samplings und der Analogsynthese, um gefundene Klänge und archivierte Musikmaterialien neu zu kontextualisieren. Sein jüngstes Werk, „Tristes Tropiques“, ist ein Album mit synthetischer Exotica, pseudoethnographischer Musik und unwirklichen Feldaufnahmen. Neben seinen Studioproduktionen hat Andrew Pekler Musik für Theater, Tanz und Film komponiert und zahlreiche Konzerte in Europa, Nord- und Südamerika, Asien und Australien gegeben.
andrewpekler.com/phantom-islands/

Stefanie Kiwi Menrath ist Kulturanthropologin und Musikkuratorin. Seit 2004 ist sie Mitglied des Teams für Kulturpädagogik im Haus der Kulturen der Welt (HKW) Berlin und arbeitet in Projekten der Kultur- und Musikpädagogik für Institutionen wie die Berliner Philharmoniker, das Humboldt Lab Berlin, das Übersee-Museum Bremen und andere. Sie ist Mitbegründerin des elektronischen Musikplattenlabels moving records (Heidelberg/Berlin), für das sie Kompilationen und individuelle Künstler_innenveröffentlichungen kuratierte sowie Konzerte und Tourneen organisierte.

Reiner Maria Matysik ist ein Berliner Künstler und Professor an der Hochschule für Kunst und Design in Halle (Burg Giebichenstein) für dreidimensionale Gestaltung. Er arbeitet auf vielfältige Weise an Konzepten für zukünftige Landschaften und Organismen, wie zum Beispiel postevolutionäre Lebensformen, und entwickelt dafür ein dynamisches Szenario durch die gezielte Übernahme von Objekt, Installation und Video. Sowohl die visuelle Umsetzung als auch ihre sprachliche Form lassen sich hier als wesentliche künstlerische Strategien erkennen, die er als eigene Schnittstelle zwischen den Welten der wissenschaftlichen Forschung und der pseudowissenschaftlichen Fiktion verwendet.
reinermatysik.de

 

en/
The exhibition “Worlds within World” launches the exhibition series “Exhibitions for a Speculative Audience” at Galerie Weisser Elefant. The series was developed by an interdisciplinary board of trustees consisting of curators, media and cultural scientists as well as artists from the independent scene. Based on the works of intellectual figures from the philosophical wave of speculative realism, which places an open view of reality at the forefront of its contemplation rather than merely adopting an anthropocentric worldview, the board of trustees developed questions from its various perspectives on alternative realities, ways of being and approaches to processes, matters and existences. The series aims to illustrate the collective dialogue of interdisciplinary strategies in artistic research, the investigation of artistic processes, and curation.
The terrain of the Speculative is conceived as an artistic field of research whereby, on the one hand, the interdependence of the construction of reality and thought can be investigated and, on the other, questions on the relationships between aesthetics, art and politics can be developed and addressed in a prototypical way.

For the exhibition Worlds within World Andrew Pekler, Stefanie Kiwi Menrath and Reiner Maria Matysik developed works which occupy a space between fiction and reality. These works serve as an entry point into a parallel reality, surveying and questioning whilst simultaneously presenting its constituent parameters.

PHANTOM ISLANDS

Phantom islands are islands that appeared on historical maps, but never actually existed. The status of these artefacts of colonial history oscillates between cartographic fact and maritime fiction. Phantom Islands interprets and presents these imaginations in the form of a sound installation, in which the sounds and discovery stories of individual phantom islands are presented by way of auditive, textual and visual means. The sound installation builds on the work Phantom Islands – A Sonic Atlas, an online interactive map developed by sound artist Andrew Pekler and cultural anthropologist Stefanie Kiwi Menrath.

With the help of cartographical and textual evidences of the islands, an attempt is made to question how reality is constituted when a layering of (contra-)factual traces and narratives, which began in the age of conquest (15th-18th century), gives rise to a fiction that fulfills all the parameters of a reality of its own. Each island is given an additional sonic presence, anchored in reality as a quasi-ethnographic, pseudo-traditional soundworld. The ethnographically ordered exhibition design, with its original maps and vitrine displays arranged according to region, simultaneously refers to the historical entanglements of cartography and ethnography in the colonial project.

Idea, concept, text: Stefanie Kiwi Menrath
Sound, concept, text: Andrew Pekler
Graphics: Flavio Gortana
Loaned items: Eddie Pekler

Supported by Musikfonds e. V. with project funds from the Federal Government Commissioner for Culture and Media

SEXUAL CREEPING

Reiner Maria Matysik’s exhibition contribution follows on from his 2008 publication “Sexuelles Vegetieren” (Sexual Creeping). With his paratextual contribution, he transcends the border of his own narrative and gives his fiction’s non-human protagonists a material form: Matysik constructs parasitic plant-beings which are used by humans as a means for their own reproduction. With their stamens, sepals, stems, and roots, they caress, entwine and proliferate their human counterparts, who succumb, before finally becoming hooked. After the process of seduction follows organic penetration, and at times, tantalizingly pleasurable copulative acts, ending in exhaustion, self-abandonment, and even physical incarnation.
In contrast to previous works, Matysik’s beings act as more than mere objects to be viewed from a safe distance, for the visitors themselves are invited to handle them, and as a result, are placed into a direct relationship with the organisms, giving rise to a situation of physical immediacy. An immersive momentum emerges when the organisms‘ tactile experience unites with Matysik’s rampantly debauched narrative universe as an auditory trace. At the point where Matysik’s organisms appear to emerge from the narrative, the space between fiction and reality has expanded, and as agents of their narrative alter egos, their agency becomes apparent.

Andrew Pekler works as an artist with techniques of digital sampling and analog synthesis to re–contextualize found sounds and archival musical materials.
His last album release, Tristes Tropiques is a collection of synthetic exotica, pseudo-ethnographic music and unreal field recordings. In addition to his studio productions and live peformances, Andrew Pekler has composed music for theater, dance, and film and played numerous concerts in Europe, North and South America, Asia and Australia.

Stefanie Kiwi Menrath is a cultural anthropologist and music curator. Since 2004 she has been a member of the Cultural Education Team at the Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin, and works on cultural and music education projects for institutions such as the Berlin Philharmonic, the Humboldt Lab (Berlin), the Übersee-Museum (Bremen) among others. She is co-founder of the electronic music record label moving records (Heidelberg/Berlin), for which she curated compilations and individual artist releases as well as organizing concerts and tours.

Reiner Maria Matysik is a Berlin based artist and Professor at the University of Art and Design in Halle (Burg Giebichenstein) for three-dimensional design. He works in manifold ways with concepts for future landscapes and organisms, like post-evolutionary life forms. Through the specific adoption of object, installation and video he developed a dynamic scenario of future landscapes and organisms. In this way he creates an area of conflict between promise and failure in a potential future.