MYSTIK DES ALLTAGS

Annelies Štrba

Eröffnung: Samstag 07.11.2020 (entfällt)

Annelies Štrba, Shades of Time, 1996

Aufgrund der neuen Covid-19-Regulierungen konnte die Ausstellung „Mystik des Alltags“ im November leider nicht wie geplant stattfinden. Sobald wir wissen, wie es weitergeht und ob es eine Ausstellung mit der Künstlerin geben kann, werden wir euch informieren.

Wir hoffen auf euer Verständnis und teilen hier ein paar erste Impressionen.

Derzeit sind wir im artery Berlin-Der Kunstbuchführer mit einem Text von Ralf Bartholomäus zu finden.

Ausgabe Oktober-November 2020:

 

Ralf Bartholomäus

Nach einer Ausstellungseröffnung von Annelies Štrba

Die große östliche Sonne stellt alles bereit,

um dieses Leben ganz auszuschöpfen.

Chögyam Trungpa

Erst jetzt empfinde ich, wie gut es war, Annelies zu treffen. Es war daran nichts Spektakuläres, nicht besonders turbulent oder auffällig intim, aber ganz einfach nah, auf eine Art, die ich ansonsten vermisse oder – schlimmer – vergesse. Es war wieder dieses verschämte Abwinken, wenn man ihr ein Kompliment macht. Dann das lachende Staunen über jeden Satz, den jemand sagt, dem sie sich vertraut fühlt. Es ist stets so, als ob sie schon wüsste, was man sagen will und sich dann in jedem Moment über das Eintreffen des Geahnten freuen kann.

Ich behaupte, dass Annelies Štrba so genau die instinktiven Regungen anderer Menschen zu beobachten vermag, dass sie deren tatsächliche Haltung zu erkennen und an der verbal geäußerten Meinung zu messen imstande ist. Dabei erfreut sie sich nicht an dem, was gesagt wird, sondern: dass es gesagt wird, das Richtige, das wirklich Empfundene. Ehrlichkeit wird mit einem unbezahlbar offenen Lachen belohnt und – fast wie im Märchen – mit dem Gewinn der Königstochter. Das heißt: es sind deren zwei; aber gestattet ist selbstverständlich nur ein angemessen distanzierter Blick auf deren verzaubernde Anmut.

Das Medium der Belohnung als Fotografie zu bezeichnen fällt zunehmend schwerer, seit sie sich einer Auffassung des Malerischen nähert, die allerdings nicht über formale Kriterien zu definieren ist. Diese Künstlerin, Virtuosin des magischen Augenblicks, ist gegenwärtig dabei, die Natur als das Malerische, das frei Komponierte an sich zu enthüllen. Und naturgemäß gelingt das zuerst in atmosphärischen Landschaften, aber mehr und mehr auch in Bildern mit Menschen, je weiter sie sich vom Genrehaften zur puren Impression entwickeln.

Ihre Sicherheit im intuitiven Erfassen einer Stimmung oder Bedeutung lenkt auch das Sehen der Fotografin Annelies Štrba. Auch hier ist sie glücklich, das Authentische, das tatsächlich in Alltag und Natur Geschaute im „Ausgesprochenen“, im fotografischen Abzug wiederzukennen. Darunter sind atemberaubend gelungene Momente, die wir selbst mit enorm geschärften Sinnen im Vorbeistreichen der Zeit nur äußerst selten erfassen. Dank ihrer Beobachtungsgabe, die auf einem sicheren Grundgefühl der Lebendigkeit, der Kraft und Würde des Natürlichen, also auch der menschlichen Natur beruht, gibt es diese Fotos, diese kostbaren Dokumente klarster Gegenwärtigkeit.

Da sie also sehr unmittelbar ihrem Empfinden entspringen, haben die Aufnahmen eine sowohl allgemein verständliche, als auch sehr persönliche Ikonografie. Weil letztere aber nur ihr selbst zugänglich ist, bleibt im Verständnis des Bildes stets eine Lücke, die der Betrachter mit seiner Erfahrung, mit seiner eigenen Intuition füllen muss – sonst bleibt das Bild ihm fremd und kalt, nicht nur unvollständig. Und genau dies ist der Effekt, den wir vor solchen Arbeiten als Zauberei empfinden: ihre Verlebendigung durch uns selbst. Und genau dies ist es womöglich generell, was große Kunst ausmacht; dass sie nur im persönlichen Engagement, im Öffnen der eigenen Seele zugänglich, ja überhaupt intensiv wird.

Für diesen Augenblick des Erlebens von Authentizität arbeitet Annelies Štrba, zur Erinnerung an die Magie des Gewöhnlichen, für sich und andere – unermüdlich. Aber diese Mühe ist niemals Last, sie ist stets Freude am reinen Entdecken des Wahrhaftigen. Auch aus mir wurde dieser Gedanke zutage gefördert dank der überaus inspirierenden Arbeit einer Frau, die ich sehr mag, vielleicht für ihr staunend hinter der Hand verstecktes Lachen.

 

Katalog Aargauer Kunsthaus Aarau Schweiz 1997